Therapeutisches Angebot - Margareta Rodler
20.09.2016
Wer Sorgen hat, hat auch Likör

In meiner langjährigen Tätigkeit als Therapeutin konnte ich erfahren, dass alkoholkranke Menschen – Männer wie Frauen – ihre erreichte Abstinenz als eine große Erleichterung erleben.  Diese Verbesserung der Lebensqualität wird auch durch viele Gruppen und Beratungseinrichtungen, welche Abstinenz propagieren, in Aussicht gestellt.

Meine Erfahrungen zeigten mir aber auch, dass es sehr vielen Betroffenen zu Beginn ihres abstinenten Lebens erstmals wesentlich schlechter geht. Sie sehen sich Problemen und Konflikten gegenüber, welche sie mit Hilfe ihres Suchtmittels nicht wahrhaben mussten. Es wird ihnen gewahr, dass ihr Suchtmittel eine oder möglicherweise mehrere Funktionen übernommen hatte.

Wer wird zum Alkoholiker aus reinem Genuss am Trinken? Niemand, denn die Genussfähigkeit am Alkohol ist vielmehr verloren gegangen. Das Trinken ist im Alltag zu präsent und mächtig geworden. Es wird zum zentralen Dreh- und Angelpunkt des Alltags. Daher auch die destruktive und zerstörerische Wirkung auf den eigenen Körper und das soziale Umfeld der Betroffenen. Gelebte Sucht endet letztendlich immer tödlich. 

Dem entgegenzuwirken muss rasch gehandelt werden und aus meiner Sicht ist nur die Abstinenz vom Suchtmittel der Weg zurück ins Leben. Der Versuch des „kontrollierten Trinkens“ ist oftmals der  Anfang eines Rückfalles in die Sucht.

Hier sehe ich die Aufgabe für mich als Psychotherapeutin – abstinente Abhängigkeitserkrankte zu begleiten und mit ihnen Möglichkeiten zur Bewältigung ihres Leidens zu erarbeiten. Alkohol ist ein gutes „Lösungsmittel“ und da dieses nicht mehr zur Verfügung steht, ist der Umgang mit den aktuellen Lebenssituationen oft schmerzlich. Wie soll der Betroffene in der Lage sein angemessen mit seinen Gefühlen umzugehen. Oft leiden suchtkranke Menschen noch längere Zeit unter Schlafstörungen, sozialen Ängsten, körperlichen Einschränkungen. Gerade wenn der Körper entgiftet ist kommt es möglicherweise zu einer Verschiebung der Symptome oder der Sucht, z.B. übermäßigem Essen, Rauchen, Einkaufen, onlinespielen.

Mag sein, dass Ersatzhandlungen sich eignen, eine Lebensqualität zu erreichen und um im sozialen Umfeld wieder Fuß fassen zu können. Zum Beispiel einem intensiven Hobby nachgehen oder großes Engagement in der Arbeitswelt zeigen. Das ist legitim und ist zu akzeptieren, wenn es im Hier und Jetzt hilfreich ist.

Durch die Abstinenz kann die Entwicklung der Persönlichkeit wieder in Gang kommen und zwar dort, wo sie durch die Sucht sozusagen zum Stillstand kam. So wie niemand von einem Kind erwartet, dass es sich in ein paar Monaten zu einem gesunden Erwachsenen entwickelt, braucht erst recht der erwachsene Mensch Zeit und Geduld für diesen Weg. Der  Anspruch auf rasche Anpassung stellt eine Überforderung für jeden abstinenten Menschen dar. Es wird oft ein langer Weg sein und sich dafür hilfreiche Begleitung zu holen ist sehr ratsam, um seine Sucht überwinden zu können.