Therapeutisches Angebot - Sinikka Huhndorf
02.08.2016
Vitaminmangel bei der chronischen Alkoholkrankheit

Bei regelmäßigem Alkoholkonsum wird der Energiebedarf zu einem großen Anteil durch Alkohol (7,1 cal/g) gedeckt, der arm an wichtigen Nähr- und Vitalstoffen ist. Es kommt zu einem Mangel an Eiweiß, Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Chronische Alkoholiker essen häufig zu wenig, da sie unter Entzündungen der Speiseröhre, des Magens und des Darmes, unter Brechreiz, Erbrechen, Durchfällen, Schmerzen und Appetitlosigkeit leiden.

Das fettlösliche VITAMIN A ist durch die alkoholverursachten Schädigungen der Schleimhäute im Verdauungstrakt und durch die ungenügende Zufuhr nur unzureichend im Körper vorhanden. Eine mangelhafte Eiweißzufuhr bei der Alkoholkrankheit kann sich nachteilig auf die Vitamin-A-Versorgung auswirken, denn für den Transport von Vitamin A aus der Leber (Speicherorgan) wird Eiweiß benötigt. Fehlt das Protein, verbleibt das Vitamin in der Leber und kann vom Körper nicht genutzt werden. Die Folgen sind ein erhöhtes Risiko für verschiedene Tumorerkrankungen, Nachtblindheit und Verlust an Sehkraft. Vitamin A ist ausschließlich in tierischen Produkten zu finden, in hoher Konzentration in Innereien und Eiern. Betacarotin - die Vorstufe des Vitamin A – ist im Pflanzenbereich weitverbreitet: Karotten, Spinat, Grünkohl, Paprika, Marillen, Melonen.

Zu der Gruppe der B-Vitamine gehören u.A. Vitamin B1 (Thiamin), Vitamin B2 (Riboflavin), Vitamin B6 (Pyridoxin), Vitamin B12 (Cobalamin), Folsäure und Biotin. Diese Vitamine sind ausnahmslos wasserlöslich und im Körper nur begrenzt speicherbar. Ein Mangel an einem dieser Vitamine kann ein Mangel eines anderen B-Vitamins nach sich ziehen.
Mangel an B-Vitaminen kommt häufig bei der chronischen Alkoholkrankheit vor.

VITAMIN B1 wird für das Gehirn, die Nerven und die Muskeln benötigt. Der Alkohol „kostet“ den Körper Vitamin B1, da das Vitamin zum Abbau des Alkohols benötigt wird.
Ein wesentlicher Grund für das „Wernicke-Korsakow-Syndrom“, das sich in Form von Augenmuskellähmungen, Gang- und Standunsicherheit, Wesensveränderungen, Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen, Halluzinationen äußert, ist ein Mangel an Vitamin B1. Hauptnahrungsquellen sind Vollkornprodukte und Fleisch.
Alkohol senkt die Verwertung von VITAMIN B2 und somit äußert sich ein Mangel in Form von Entzündungen der Mundschleimhaut, Hauteinrissen im Mundwinkel, Leistungsminderung, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche- Milchprodukte, Eier, Fleisch und Brokkoli sind gute Quellen.

Die Mangelerscheinungen von VITAMIN B6 sind schuppende Hautveränderungen und Entzündungen im Mund-Lippenbereich. Bei Lebererkrankungen und Bauchspeicheldrüsenentzündungen ist die Aufnahme des Vitamins aus der Nahrung eingeschränkt, aber der Mehrbedarf da - Vollkornprodukte, Fleisch, Lachs, Avocado und Kartoffeln liefern Vitamin B6. Ein Mangel an VITAMIN B12 kann zu Gangstörungen, Taubheitsgefühl, Gedächtnisstörungen, Stimmungsschwankungen führen. Es kann zu einer Blutarmut (perniziöse Anämie) kommen. Die Betroffenen klagen über Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Nachlassen der Leistungsfähigkeit.
In den Zellen der Magenwand wird ein Protein, der „Intrinsic factor“ gebildet, damit Vitamin B12 vom Dünndarm aus ins Blut aufgenommen werden kann. Ist die Magenschleimhaut geschädigt oder entzündet (Gastritis), wie es häufig bei alkoholkranken Menschen vorkommt, wird dieser Faktor nicht gebildet und Vitamin B12 schlechter aufgenommen.
Vitamin B12 ist nahezu ausschließlich in tierischer Kost (Fleisch, Fisch, Milchprodukte) enthalten.

FOLSÄUREmangel kommt bei der Alkoholabhängigkeit besonders häufig vor und hat eine Blutarmut zur Folge. Das Risiko für Herzinfarkt ist deutlich erhöht. Folsäurequellen sind Gemüse, Vollkornprodukte, Innereien.

BIOTIN braucht der Körper für Haut, Haare und Nägel. Mangelerscheinungen sind brüchige Nägel, Entzündungen der Bindehaut, Haarausfall, Fettstoffwechselstörungen, Depressionen-  Germ, Eigelb, Nüsse, Reis enthalten Biotin.

Das wasserlösliche VITAMIN C (Ascorbinsäure) unterstützt den Aufbau von Haut, Gewebe, Knochen und Zähnen und hat eine besondere Bedeutung für die Abwehrkräfte. Die Aufnahme wird infolge von alkoholverursachten Magen-Darm-Schädigungen blockiert. Der Mangel kann sich durch Zahnfleischbluten, schlechte Wundheilung, Trägheit, chronische Glieder- und Gelenkschmerzen, Abwehrschwäche mit erhöhter Infektneigung äußern- Äpfel, schwarze Ribisel, Paprika, Kohl, Brokkoli, Hagebutten sind gute Quellen.

VITAMIN D3 (Cholecalciferol) ist nicht nur ein „Knochenvitamin“, sondern eigentlich ein Hormon und wird unter Einfluss von Sonnenlicht vom Körper selbst gebildet. Für die optimale Wirkung von Vitamin D ist eine entsprechende Kalziumversorgung notwendig. Bei einer Bauchspeicheldrüsenentzündung ist die Ausnutzung des Vitamins aus der Nahrung eingeschränkt. Eine Vitamin-D-Unterversorgung kann sich in Verformungen des Knochengerüstes und Schmerzen in den Knochen zeigen. Osteoporose (erhöhte Knochenbruchanfälligkeit), Herzmuskelschwäche, Bluthochdruck können als Folge eines Vitamin-D-Defizits auftreten. Das Risiko für Dickdarm- und Mammakarzinome scheint erhöht zu sein. Enthalten ist das fettlösliche Vitamin in Lachs, Hering, Aal, Eiern.
 
Bei einem Mangel an VITAMIN E (Tocopherol) können Verdauungsstörungen oder eine erhöhte Infektanfälligkeit auftreten. Das fettlösliche Vitamin kommt in pflanzlichen Ölen und Nüssen vor. Raucher haben einen erhöhten Bedarf (die meisten Alkoholkranken sind Raucher).

VITAMIN K ist unentbehrlich für die Blutgerinnung. Chronisch Alkoholkranke haben die Neigung zu stärkeren Blutungen, selbst bei kleinen Wunden. Das fettlösliche Vitamin kommt in Kohl und grünem Blattgemüse vor.

Die Therapie der Vitamindefizite erfolgt in der Regel über Supplemente, in Form von Kapseln, Tabletten und/oder Tropfen. 

In den beiden Therapiezentren werden im Rahmen der Ernährungsmedizin die Relevanz der ausgewogenen Ernährung, die ausreichende Versorgung mit Vitaminen, sowie die bei unzureichender Versorgung auftretenden Mangelerscheinungen besprochen.