Therapeutisches Angebot - Mario Obersteiner
04.04.2017
Intrapsychisches Erklärungsmodell der Alkoholabhängigkeit

Bereits der Probierkonsum von psychotropen Substanzen wie Alkohol und die damit einhergehen-den kurzfristig eintretenden und subjektiv angenehmen Wahrnehmungen und Erfahrungen kön-nen dazu beitragen, dass es aufgrund einer positiven Verstärkung zu einer erhöhten Wahrschein-lichkeit von wiederholtem Alkoholkonsum kommt. Die enthemmende/stimulierende oder dämp-fende/beruhigende Wirkung des Alkohols macht es in sozialen Situationen wie z.B. einem Treffen mit Kollegen nach der Arbeit leichter „geselliger“ zu sein, vor allem für unsichere Personen. Unter dem Einfluss von Alkohol oder bestimmten Medikamenten kann sich das Wohlbefinden bei Feier-lichkeiten und anderen sozialen Begegnungen erhöhen. Mit Alkohol können viele Menschen ihren Gefühlen freien Lauf lassen oder angenehme Erlebnisse intensiver genießen, andere trauen sich Verhaltensweisen zu, für die sie sonst eher zu schüchtern sind. Es gelingt dann leichter mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten, in eine heitere Stimmung zu kommen, gleichzeitig treten Ängste und Sorgen in den Hintergrund und man fühlt sich insgesamt weniger belastet.
 
Mit der Zeit entwickeln sich jedoch Gewohnheiten, zu bestimmten Tageszeiten eine beruhigen-de/dämpfende Wirkung (z.B. nach Dienstschluss) zu suchen, um den Stress und/oder Druck nicht mehr spüren zu müssen und wiederum zu anderen Gelegenheiten einen aufputschen-den/stimulierenden Effekt zu erzielen, um etwa eine  höhere Leistungsanforderung besser aushal-ten zu können.

In solchen „gewohnten“ Trinksituationen werden suchtspezifische Gedanken automatisch aktiviert – z.B. „Alkohol hilft mir dabei, dass ich den Druck in der Arbeit nicht mehr spüre und meine Probleme und Sorgen verschwinden“. Die Betroffenen überprüfen aber die Wahrheit dieser Gedanken nicht, respektive machen sie nicht die Erfahrung, dass diese verzerrt sind und nicht der Realität entspre-chen – d.h., dass der Alkohol nicht ihre Sorgen und Probleme löst, sondern diese nur für kurze Zeit, geschuldet der sogenannten positiven Wirkung der Substanz, in den Hintergrund treten lassen.

Die negative Wirkung hingegen ist, dass es je nach Substanz (z.B. Alkohol) zu einem relativ ra-schen Gewöhnungseffekt kommt und der positive Effekt dann kürzer anhält. Es kommt zu einer Toleranzentwicklung die in weiterer Folge zu einer Dosiserhöhung führt, um so zumindest die be-reits gewohnte Wirkung (Enthemmung/Stimulierung resp. Dämpfung/Beruhigung) erleben zu können. Zudem kommen noch zusätzliche unangenehme Nebenwirkungen hinzu, die irgendwann die Form der bekannten Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen, Erbrechen, etc. annehmen können. In weiterer Folge etablieren sich aus den unangenehmen Nebenwirkungen zusätzliche Trinkmotive – nämlich jene, um diese negativen Zustände mittels Substanz auch in den Hinter-grund zu versetzten.

Dies führt zu einem Teufelskreis aus dem ein Ausstieg aufgrund einer ständigen Wechselwirkung sehr schwer fällt.