Wissenswertes - Dietmar Haider
09.12.2016
Case Management als Allheilmittel in der Sozialarbeit?

Die Wurzeln des Case Managements (im Folgenden CM) liegen Kleve (2006) zufolge in den USA, wo man Ende der 1970er Jahre dazu überging, die stationäre Unterbringung von Klienten der Sozialarbeit abzubauen und die-se möglichst in ihren je individuellen Lebenswelten zu betreuen. CM bietet also eine lebensweltlich fokussierte soziale Unterstützung, was Social Casework, die soziale Einzelfallhilfe, allerdings ebenso leistet. Das wirft zu-nächst die Frage auf, was CM – im Vergleich zu Social Casework – denn eigentlich ist?

Es finden sich für beide Ansätze naturgemäß eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen, die prägnanteste lie-fert m. E. die simple (semantische) Transformation ins Deutsche: Soziale Einzelfallarbeit vs. Soziales Einzel-fallmanagement. Während sich die Einzelfallarbeit auf das einzelne Individuum konzentriert und dabei vor allem funktionale, psychosoziale und/oder problemlösende Ansätze verfolgt, versucht man beim CM, den Betroffe-nen – das können Einzelne, Familien oder Gruppen sein – benötigte Leistungen über die Verbindung individuel-ler und institutioneller Systeme entlang definierter Effektivitäts- und Effizienzkriterien zuzuführen. CM fungiert somit als Schnittstelle zwischen Klienten und Versorgungssystem, das neben formellen auch informelle Res-sourcen integriert – mit dem primären Ziel, den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und dabei ökonomi-schen Kriterien hinsichtlich der Versorgungssysteme, sprich: v. a. staatlicher Leistungen zu genügen, also zu sparen.

Bei der Arbeit im Therapiezentrum verfolge auch ich das Primat der Hilfe zur Selbsthilfe. Die Klienten sollen, um mit Freud zu sprechen, Herr im eigenen Haus, d. h. kompetent werden, ihr Leben in Eigenregie zu meistern und bei Problemen in der Lage sein, individuelle, soziale und institutionelle Ressourcen entsprechend zu aktivieren. Der CM-Ansatz stellt auch eine probate Methode dar, einen Fall aus einer sozusagen auktorialen Perspektive zu bearbeiten, alle tatsächlich oder potenziell am Hilfeprozess Beteiligten mit ihren jeweiligen Möglichkeiten zu identifizieren, den Wert gut geplanter Vernetzungs- und Vermittlungsarbeit zu erkennen, ihre Vorzüge zu nutzen und dabei ressourcenschonend, nicht zuletzt im eigenen bzw. im Interesse der Einrichtung zu agieren.

Trotz all dieser methodischen Vorzüge kann in unserem multidisziplinären Setting auf eine lebensweltorientierte Einzelfallhilfe nicht verzichtet werden, besonders dann, wenn die zu bearbeitenden Probleme in den Klienten selbst lokalisiert werden. Zudem haftet dem CM ein wenig der Geruch an, Erfüllungsinstrument für einen auf dem Rückzug befindlichen Sozialstaat zu sein oder dies zumindest zu werden. „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Res-sourcenorientierung“ können auch als euphemistisch interpretierte Schritte zu einer in Wahrheit umfassenden Verschlankung der sozialen Systeme sein, die immerhin integrale Bestandteile unseres bewährten gesellschaft-lichen Konzeptes, der sozialen Marktwirtschaft, darstellen. Dass dies nicht völlig von der Hand zu weisen ist, zeigt sich auch in der täglichen Arbeit mit und für die Klienten. Beispielsweise nehmen wir besonders in letzter Zeit länderspezifische Novellierungen in den Mindestsicherungsgesetzen wahr, die die Kürzung einzelner sozia-ler Leistungen zum Ziel haben.

Es zeigt sich also, dass das CM eine ambivalente Angelegenheit ist, deren methodische Vorzüge man in Er-gänzung zur Einzelfallhilfe durchaus nutzen sollte, deren implizite negativen Potenziale jedoch nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Insofern ist es nicht angebracht, es zum Allheilmittel sozialer Arbeit zu erheben.

Zum Nachlesen:
Kleve, Heiko (2006): Systemisches Case Management. Eine effektive und effiziente Methode lebensweltlich und sozial-räumlich orientierter Fallarbeit. In: SIO – Sozialarbeit in Oesterreich. Zeitschrift für Soziale Arbeit, Bildung und Politik 1/06, S. 14-