Therapeutisches Angebot - Margareta Rodler
30.05.2017
Bindung – Co-Abhängigkeit - Sucht

Michaela Huber (2012) beschreibt Bindung als die Fähigkeit einer spezifischen Form von Begegnung, bei der das Baby darauf drängt, einige wenige enge Beziehungen im frühen Leben einzugehen. Diese werden als ein basales, angeborenes Verhalten betrachtet. Hierbei sucht das Neugeborene Nähe zum versorgenden Erwachsenen. Es findet den „sicheren Hafen“, um bei Missstand getröstet zu werden und entwickelt somit sein Modell von sich im Verhältnis zum Bindungsobjekt (z. B. Mutter). Basierend darauf kann das Baby seine Welt erobern und sein Bindungsverhalten entwickeln (Brisch 2002, zit. nach Huber 2012).

In klinischen Studien zeigt sich deutlich ein Zusammenhang zwischen „unsicherer“ Bindung und dem Risiko einer psychischen Erkrankung. Wichtig ist, dass die Qualität der einzelnen Bindungsbeziehungen in den ersten Lebensjahren prägend ist. Die im Laufe des Lebens resultierenden weiteren Beziehungen werden an diesen gemessen und daraus interne Arbeitsmodelle entwickelt. Es entsteht ein allgemeiner Bewusstseinszustand, mit dem es gelingt, seine Erfahrungen zu integrieren. Dieser Mechanismus gibt uns auch die Chance, seinen eigenen Bindungsstil zu verändern und den Kreislauf der Weitergabe zu unterbrechen.

Der Begriff der „Co-Abhängigkeit“ beschreibt vor allem den Umgang mit einem suchtkranken Menschen. Dieser Begriff wurde im Laufe der Jahre auch sehr vielschichtig gedeutet und eingesetzt. Oft mit einer problematischen Assoziation. Die Erkenntnis, dass alle an einem System Beteiligten mehr oder weniger Einfluss ausüben können, wird bedenklich, wenn sekundäre Phänomene zu primären Problemen gemacht werden. Zum Beispiel: Durch die Suchterkrankung verursachte Probleme werden zunehmend als solche, welche durch die Partner aufrechterhalten werden, interpretiert. Hier wird es sehr bedenklich, wenn es Angehörigen nahegelegt wird, sehr strenge und kompromisslose Härte gegenüber dem suchtkranken Partner an den Tag zu legen. Bedenkt man die existenzielle Bedeutung von Bindung, sollte es gut überlegt sein, den abhängigen Angehörigen fallen zulassen. Die Hoffnung, dass sich dadurch ein Mensch von seiner Sucht lossagt und sich wieder mehr den Menschen zuwendet, kann sich rasch ins Gegenteil wandeln. Genauso wichtig ist es aber auch, dass Angehörige gut auf ihre Bedürfnisse achten und sich nicht vom süchtigen Verhalten von ihrem Leben abbringen lassen. Klingt einfach und scheint doch oft unmöglich. Auch hier gilt es, die Bindung nach Anteilen zu überprüfen, welche wertvoll bleiben und nicht von der Sucht dominiert werden (z. B. Angehörige besorgen keinen Alkohol und sie bieten auch keine Ausreden an).

Oft ist es durch die vielen und unterschiedlichen Einflussfaktoren und deren Wechselwirkung schwer möglich, ein annähernd überschaubares Bild von Sucht zusammenzustellen. Das heißt, die Wirkung psychotroper Substanzen (z. B. Alkohol) hilft, Nähe und Distanz in sozialen Interaktionen in einer subjektiv bekömmlicheren Art zu regulieren. So trägt es zum Aufbau eines, im Moment lebbaren, Erlebnisses und Handeln bei. Gleichzeitig kommt es allerdings auch durch das wiederholte Konsumieren zum Einschleichen anderer Erlebens- und Verhaltenssequenzen. Eine stärkere innere Bindung an den psychotropen Stoff entwickelt sich. Aussagen wie „ich gönne mir zur Entspannung einen Schluck…“ oder „ich trinke mir Mut an“ sind uns gut bekannt. Trinken wird zum Lösungsansatz, woran, trotz erlebter negativer Erfahrung und Konsumsteigerung zur Erhaltung der gewünschten Wirkung, festgehalten wird.

Von der Arbeit mit abhängigkeitserkrankten Menschen weiß man, dass der Begriff „Sucht“ weitgehend durch „psychische und körperliche Abhängigkeit“ abgelöst wurde. Das zeigt auch auf, dass hier ein multifaktorielles Bild eines menschlichen Verhaltens wahrgenommen wird. Es handelt sich um ein Zusammenspiel der folgenden Faktoren:

  • Biologische Faktoren (genetische Ausstattung, Besonderheiten des individuellen Stoffwechsels psychotroper Substanzen, somatische Faktoren wie z. B. Schmerzstörungen)
  • Psychischer (Temperament oder Persönlichkeitszüge wie z.B. komorbide Faktoren, Konsumerwartungen; Impulskontrolle)
  • Sozialer (familiäre Beziehungen, Peergroup-Beziehungen; Vorbilder; Verfügbarkeit psychotroper Substanzen)


Nun habe ich in meiner psychotherapeutischen Tätigkeit mit Personen zu tun, die dem Babyalter schon länger entwachsen sind. Somit haben sie schon Lebenserfahrungen gesammelt und für sich eingeordnet. Als Therapeutin biete ich Begegnung beziehungsweise Bindung in einem besonderen Kontext an. Eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen, ist zentral für einen therapeutischen Prozess und die Voraussetzung für jede korrigierende Beziehungserfahrung. Dies sehe ich als eine wichtige Stütze dafür an, die Substanz als Beziehungsersatz nicht mehr benutzen zu müssen.