Wissenswertes - Susanne Simoner
08.03.2017
Beziehungsarbeit mit abhängigen Menschen

Martin Buber, ein Religionsphilosoph, prägte den Ausspruch „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Dies bedeutet, dass wir den Anderen (= unser Gegenüber) benötigen, um uns selbst zu finden. Wir alle haben unterschiedliche Beziehungsbedürfnisse: unabhängig davon, ob eine Suchterkrankung diagnostiziert ist oder nicht. Der entscheidende Faktor besteht in der erlebten Vergangenheit eines jeden. Wurden unsere Beziehungsanfragen in der Vergangenheit größtenteils nicht erhört oder missachtet, sind verletzte Beziehungsbedürfnisse entstanden. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen im Suchtbereich kann ich mit Gewissheit sagen, dass jeder suchterkrankte Mensch eine große Anzahl verletzter Beziehungsbedürfnisse mit sich trägt.

Zum besseren Verständnis davon, wie ich Beziehungsarbeit mit abhängigen Menschen verstehe, bediene ich mich der folgenden acht Beziehungsbedürfnisse, die die integrative Psychotherapie (R. Erskine) aus einer Fülle herausgenommen hat:

1. Beziehungsbedürfnis nach Sicherheit: Gerade in der heutigen Zeit hat dieses eine große Bedeutung, da die äußere Sicherheit durch Begebenheiten wie Anschläge etc. nur mehr sehr begrenzt werden. Dieses Bedürfnis wird durch das Therapiezentrum als geschützten Raum befriedigt. Unsere Klienten sprechen immer wieder davon, dass sie nach einem Wochenendausgang „wieder nachhause kommen“, was die sichere Atmosphäre der Einrichtung gut aufzeigt.

2. Beziehungsbedürfnis nach Wertschätzung: Menschen mit einer Suchtproblematik kommen häufig aus einem schwierigen familiären Umfeld, in dem es an Bestätigung gemangelt hat. Aufgrund ihres immer wieder auftretenden Alkoholmissbrauches - sowohl im beruflichen als auch im gesellschaftlichen Kontext- kam es zu Abwertungen. In der Therapie wird jeder Klient als Individuum behandelt und in seinen Stärken und Schwächen geschätzt.

3. Beziehungsbedürfnis nach Grenzen: Einige unserer Klienten haben eine Sucht entwickelt, da sie mit ihren überhöhten Selbstansprüchen nicht zurechtgekommen sind und in ein Burnout geraten sind. Therapie bedeutet für diese Personen dann anfangs Entschleunigung und im weiteren Verlauf das Erlernen eines „normalen Arbeitsverständnisses“. Hier ist es unsere Aufgabe, den Klienten auch klare Grenzsetzungen zu geben.

4. Beziehungsbedürfnis nach Einmaligkeit: Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung wollen nicht als „Abhängige“ oder „Alkoholiker“ bezeichnet werden. Sie haben das Recht in ihrer Einzigartigkeit mit ihren individuellen Fähigkeiten gesehen und anerkannt zu werden. Dies verstehen wir als ethisch-moralische Grundvoraussetzung unserer Arbeit und ist auch ein wesentlicher Teil unserer Qualitätspolitik.

5. Beziehungsbedürfnis nach Initiierung durch andere: Manchmal tut es auch gut, wenn man nicht immer den ersten Schritt machen muss. Die Klienten genießen es bei uns, dass wir auch auf sie zugehen oder ihnen entgegenkommen. Aus diesem Grund ist es uns wichtig, dass Geburtstage oder Therapieabschlüsse von uns mittels einer gemeinsamen Feier gestaltet werden. Hier können sie einmal im Mittelpunkt stehen und dies genießen.

6. Beziehungsbedürfnis nach Bestätigung der eigenen Erfahrungen: Wir alle haben eine subjektive Wahrnehmung, die geprägt ist von unserer Vergangenheit. Somit besitzt jeder Mensch eine andere Wirklichkeit. Diese ist abhängig von seinen individuell erfahrenen Ereignissen in seinem Leben. Es ist für uns alle wichtig, dass wir in diesen (unseren) Erfahrungen ernstgenommen werden. Für eine gelungene Therapie ist es unabdingbar, dass die Klienten in ihrem individuellen Erfahrungsprozess von uns als Suchtexperten bestärkt werden. Dies geschieht unter anderem auch dadurch, dass die subjektive Wirklichkeit eines jeden als (für ihn) bedeutend wahrgenommen und anerkannt wird.

7. Beziehungsbedürfnis nach Einfluss: Immer wieder erleben wir es im Therapiezentrum, dass Klienten mit neuen Ideen hinsichtlich des Therapieablaufes zu uns kommen. Hier ist es uns wichtig, diese Beiträge dankbar anzunehmen, sie einer kritischen Betrachtungsweise zu unterziehen und, sollten sie nicht realisierbar sein, den Klienten hierzu auch eine ernsthafte Stellungnahme zu geben.

8. Beziehungsbedürfnis, Etwas zu geben: Für viele Klienten ist die Therapie bei uns die erste Situation - nach mitunter sehr langer Zeit - in der man ihnen mit Respekt, Wertschätzung und Empathie begegnet. Sie haben dann oft das dringende Bedürfnis, uns etwas zurückgeben zu wollen. Dies ist völlig normal, sofern es sich um ein Ereignis handelt, das keinen sich ständig wiederholenden Charakter bekommt. Hier ist es allerdings wichtig zu erklären, dass wir unsere Klienten auch ohne Aufmerksamkeiten in ihrem Wesen schätzen.

Dies ist ein kurzer Abriss unserer Arbeit mit den unterschiedlichen Beziehungsbedürfnissen unserer Klientel. Es geht hierbei um unsere täglichen Tätigkeiten in den unterschiedlichen Funktionen im Therapiezentrum. Wir versuchen auf diese Weise einen Beitrag dazu zu leisten, dass die oftmals verletzten Beziehungsbedürfnisse unserer Klienten durch positive Beziehungserfahrungen in der Therapie wieder ein Stückchen Heilung erfahren.