Therapeutisches Angebot - Margareta Rodler
30.05.2017
Bindung – Co-Abhängigkeit - Sucht

Michaela Huber (2012) beschreibt Bindung als die Fähigkeit einer spezifischen Form von Begegnung, bei der das Baby darauf drängt, einige wenige enge Beziehungen im frühen Leben einzugehen. Diese werden als ein basales, angeborenes Verhalten betrachtet. Hierbei sucht das Neugeborene Nähe zum versorgenden Erwachsenen. Es findet den „sicheren Hafen“, um bei Missstand getröstet zu werden und entwickelt somit sein Modell von sich im Verhältnis zum Bindungsobjekt (z. B. Mutter). Basierend darauf kann das Baby seine Welt erobern und sein Bindungsverhalten entwickeln (Brisch 2002, zit. nach Huber 2012).

In klinischen Studien zeigt sich deutlich ein Zusammenhang zwischen „unsicherer“ Bindung und dem Risiko einer psychischen Erkrankung. Wichtig ist, dass die Qualität der einzelnen Bindungsbeziehungen in den ersten Lebensjahren prägend ist. Die im Laufe des Lebens resultierenden weiteren Beziehungen werden an diesen gemessen und daraus interne Arbeitsmodelle entwickelt. Es entsteht ein allgemeiner Bewusstseinszustand, mit dem es gelingt, seine Erfahrungen zu integrieren. Dieser Mechanismus gibt uns auch die Chance, seinen eigenen Bindungsstil zu verändern und den Kreislauf der Weitergabe zu unterbrechen.

Der Begriff der „Co-Abhängigkeit“ beschreibt vor allem den Umgang mit einem suchtkranken Menschen. Dieser Begriff wurde im Laufe der Jahre auch sehr vielschichtig gedeutet und eingesetzt. Oft mit einer problematischen Assoziation. Die Erkenntnis, dass alle an einem System Beteiligten mehr oder weniger Einfluss ausüben können, wird bedenklich, wenn sekundäre Phänomene zu primären Problemen gemacht werden. Zum Beispiel: Durch die Suchterkrankung verursachte Probleme werden zunehmend als solche, welche durch die Partner aufrechterhalten werden, interpretiert. Hier wird es sehr bedenklich, wenn es Angehörigen nahegelegt wird, sehr strenge und kompromisslose Härte gegenüber dem suchtkranken Partner an den Tag zu legen. Bedenkt man die existenzielle Bedeutung von Bindung, sollte es gut überlegt sein, den abhängigen Angehörigen fallen zulassen. Die Hoffnung, dass sich dadurch ein Mensch von seiner Sucht lossagt und sich wieder mehr den Menschen zuwendet, kann sich rasch ins Gegenteil wandeln. Genauso wichtig ist es aber auch, dass Angehörige gut auf ihre Bedürfnisse achten und sich nicht vom süchtigen Verhalten von ihrem Leben abbringen lassen. Klingt einfach und scheint doch oft unmöglich. Auch hier gilt es, die Bindung nach Anteilen zu überprüfen, welche wertvoll bleiben und nicht von der Sucht dominiert werden (z. B. Angehörige besorgen keinen Alkohol und sie bieten auch keine Ausreden an).

Oft ist es durch die vielen und unterschiedlichen Einflussfaktoren und deren Wechselwirkung schwer möglich, ein annähernd überschaubares Bild von Sucht zusammenzustellen. Das heißt, die Wirkung psychotroper Substanzen (z. B. Alkohol) hilft, Nähe und Distanz in sozialen Interaktionen in einer subjektiv bekömmlicheren Art zu regulieren. So trägt es zum Aufbau eines, im Moment lebbaren, Erlebnisses und Handeln bei. Gleichzeitig kommt es allerdings auch durch das wiederholte Konsumieren zum Einschleichen anderer Erlebens- und Verhaltenssequenzen. Eine stärkere innere Bindung an den psychotropen Stoff entwickelt sich. Aussagen wie „ich gönne mir zur Entspannung einen Schluck…“ oder „ich trinke mir Mut an“ sind uns gut bekannt. Trinken wird zum Lösungsansatz, woran, trotz erlebter negativer Erfahrung und Konsumsteigerung zur Erhaltung der gewünschten Wirkung, festgehalten wird.

Von der Arbeit mit abhängigkeitserkrankten Menschen weiß man, dass der Begriff „Sucht“ weitgehend durch „psychische und körperliche Abhängigkeit“ abgelöst wurde. Das zeigt auch auf, dass hier ein multifaktorielles Bild eines menschlichen Verhaltens wahrgenommen wird. Es handelt sich um ein Zusammenspiel der folgenden Faktoren:

  • Biologische Faktoren (genetische Ausstattung, Besonderheiten des individuellen Stoffwechsels psychotroper Substanzen, somatische Faktoren wie z. B. Schmerzstörungen)
  • Psychischer (Temperament oder Persönlichkeitszüge wie z.B. komorbide Faktoren, Konsumerwartungen; Impulskontrolle)
  • Sozialer (familiäre Beziehungen, Peergroup-Beziehungen; Vorbilder; Verfügbarkeit psychotroper Substanzen)


Nun habe ich in meiner psychotherapeutischen Tätigkeit mit Personen zu tun, die dem Babyalter schon länger entwachsen sind. Somit haben sie schon Lebenserfahrungen gesammelt und für sich eingeordnet. Als Therapeutin biete ich Begegnung beziehungsweise Bindung in einem besonderen Kontext an. Eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen, ist zentral für einen therapeutischen Prozess und die Voraussetzung für jede korrigierende Beziehungserfahrung. Dies sehe ich als eine wichtige Stütze dafür an, die Substanz als Beziehungsersatz nicht mehr benutzen zu müssen.

Wissenswertes - Christina Lora-Turteltaube
17.05.2017
Jobcoaching

Was ist eigentlich Arbeit?
„Arbeit ist der bewusste und zweckgerichtete Einsatz der körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte des Menschen zur Befriedigung seiner materiellen und ideellen Bedürfnisse.“ (vgl. Brockhaus)
Arbeit ist ein Prozess, in dem Menschen soziale Beziehungen eingehen, die im gesamten Lebenszusammenhang von zentraler Bedeutung sind; hierzu gehören die Strukturierung der Zeit, die soziale Anerkennung und das Selbstwertgefühl.
Arbeit kommt in unserer Gesellschaft ein sehr hoher Stellenwert zu. Die Beschäftigung dient nicht nur dazu, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sie ermöglicht auch ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben. 

Aus diesem Grund beinhaltet unser Therapiekonzept auch das Manual “Jobcoaching“. In der Integrationsphase wird mit jedem Klienten ein Orientierungsgespräch geführt. Es werden der berufliche Werdegang sowie die Vorstellung über die berufliche Zukunft erhoben. Gemeinsam mit dem Klienten wird ein Plan erstellt, der an die Bedürfnisse des Klienten angepasst ist und auch die Wünsche der Klienten berücksichtigt. Im Vierphasenmodell, Leistungsprofilerstellung, individuelles Jobcoaching, Jobcoaching in Kleingruppen und gezieltes Jobfinding, werden die Klienten auf einen beruflichen Wiedereinstieg vorbereitet sowie werden sie für die zukünftigen Herausforderungen am Arbeitsmarkt gestärkt. Im Rahmen des Jobcoachings werden auch Praktika organisiert, damit Klienten ihre tatsächliche Belastbarkeit und Stressresistenz erproben können und um sicherzustellen, ob ihr gewähltes bzw. angestrebtes Berufsfeld auch das richtige ist. 

Mit jenen Klienten, die sich bereits in Pension befinden bzw. Klienten die aufgrund multipler psychischer oder physischer Beeinträchtigungen nicht mehr in der Lage sein werden ins Berufsleben einzusteigen, wird ein gesonderter Integrationsplan vereinbart: das Besuchen einer Tagesstruktur, das Arbeiten in einer geschützten Werkstätte oder das Nachgehen einer ehrenamtlichen Tätigkeit werden organisiert. 

Wir, in den Therapiezentren der Agil-Sozialpädagogik, versuchen durch soziale Reintegration die persönliche Entwicklung und Selbstbestimmung zu fördern und Eigenverantwortung und Eigenständigkeit zu stärken. Letztendlich ist das Ausfindigmachen einer Beschäftigung (das Nachgehen einer Arbeit, der Besuch einer Tagesstätte etc.) ein Ziel des Therapiekonzeptes, um für die Klienten nach der Therapie eine ideale Struktur zu schaffen.

Neuigkeiten - Nadja Paulitsch
03.05.2017
Raftingtour auf der MurRaftingtour auf der Mur
Raftingtour auf der MurRaftingtour auf der Mur

Am Samstag war es soweit: Das Therapiezentrum Eisenhut machte sich für die jährliche Raftingtour auf der Mur startklar. Sieben wassersportbegeisterte Klienten sowie eine Betreuerin stellten sich der „Mutprobe“. Einer unserer Betreuer war für die Organisation und das Bildmaterial zuständig.

Jeder Teilnehmer erhielt die notwendige Ausrüstung (Neoprenanzug, Schwimmweste und Sicherheitshelm). Anschließend wurden alle mit den Bussen zum Ausgangspunkt gebracht. Aufgrund der unsicheren Wettersituation wurde der ursprüngliche Startpunkt von Tamsweg nach Madling verlegt. Vor dem Start erhielten wir von unserem Raftingführer (Guide) eine ausführliche Einschulung. Als wichtig wurden dabei Punkte wie das richtige Verhalten im Boot, die unterschiedlichen Kommandos sowie das Verhalten in Notfällen genannt.

Bevor es losging, musste jeder von uns das Boot im Wasser umrunden, um sich mit der Wassertemperatur vertraut zu machen. Danach wagten einige einen abenteuerlichen Felsensprung in den reißenden Fluss. Gleich darauf teilte uns der Raftingführer den entsprechenden Sitzplätzen im Schlauchboot zu. Nach den ersten Paddelschlägen starteten wir zur 15 km langen Flussfahrt Richtung Stadl/Mur.

Obwohl wir alle zum ersten Mal eine solche Tour machten, lernten wir sehr schnell. Eine der ersten Gruppenübungen war es, gemeinsam stehend (Hand in Hand) am Rand des Raftingbootes im Kreis zu balancieren. Dies stellte die erste Herausforderung für unsere Bootsgemeinschaft dar. Nach einigen Kilometern eifrigem Synchronpaddeln wurden wir abrupt gestoppt: Ein an der Wasseroberfläche nicht sichtbarer Felsen war der Verursacher.

Dank des tatkräftigen Eingreifens unseres Guides konnten wir die Fahrt unbeschadet fortsetzen. Voller Begeisterung und konzentriert paddelten wir Richtung Ziel. Nach einigen Stromschnellen und diversen Manövern war die Fahrt schon zu Ende. Körperlich ausgepowert, aber mit gestärktem Selbstbewusstsein und Teamgeist erreichten wir nach zwei Stunden die vorgesehene Anlegestelle.

Zum Abschluss erhielt jeder Teilnehmer ein Zertifikat, in dem die „außerordentliche Tapferkeit auf der Welle“ bescheinigt wurde. Für uns alle war diese Tour ein positives, lustiges und nicht alltägliches Erlebnis, an das wir uns noch lange und gerne zurückerinnern werden.

Wissenswertes - Siegrun Gutschi
19.04.2017
Frühlingskräuter im Alltag <br>„Wieder liegt ein neues Jahr vor uns“

Die Tage werden länger, die Natur erwacht langsam und lädt uns zu Spaziergängen über Wiesen, Felder und den Wald ein. Zwischen den graubraunen Farbtönen des Wiesenbodens schauen vorwitzige unterschiedliche grüne Farbtupfer hervor: Die Frühlingskräuter - sie suchen sich ihren Weg zu den ersten warmen Sonnenstrahlen. Was für ein Geschenk, dass uns die Natur so reich mit Pflanzen beschenkt.

Wenn sie mich mit ihren leuchtenden Farben „anlächeln“, dann kann ich nicht widerstehen sie zu pflücken (warum sollte ich auch)! Wilde Kräuter sind ideal, weil sie auf Wiesen, bei Hecken oder an Wegrändern wachsen und einfach nur gepflückt werden müssen. Sie sind in der Küche vielseitig einsetzbar:

Ein Pesto aus jungen Blättern der Brennnessel oder des Bärlauchs lässt sich einfach zubereiten. Die Blätter mit heißem Wasser überbrühen, ausdrücken, fein schneiden und mit Olivenöl, Parmesan und eventuell mit Nüssen zu einer homogenen Masse verrühren. In Gläser gefüllt ist dieses Pesto zwei Monate im Kühlschrank haltbar.

So zum Beispiel würde ich zu einem leckeren Frühlingsentschlackungssalat folgende Zutaten empfehlen:

  • Junge Löwenzahnblätter und -blüten, die leicht bitter schmecken
  • Blätter und die honigsüß schmeckenden Blüten der Taubnessel
  • die würzig maisartig schmeckenden Blätter und Blüten der Vogelmiere
  • die würzig scharfen Schnittlauchblüten
  • Verschiedene Blattsalate
  • Veilchen-, Gänseblümchen- und Rotkleeblüten

Wer all diese Geschmackskomponenten vereinigen will, schneidet die Blüten und Blätter klein und verrührt sie mit Butter. Diese Kräuterbutter in Kombination mit frischem Brot oder gegrilltem Fleisch bringt den Frühling ins Haus!

Die Heilpflanze des Jahres 2017 ist das Gänseblümchen, welches uns schon zeitig im Frühjahr mit seinen strahlenden Blüten erfreut.  Die Blütenköpfe des Gänseblümchens öffnen sich nur bei schönem Wetter. Bei Dunkelheit, Regen und Bewölkung bleiben sie geschlossen.

„Bellis perennis“ ist der Botanische Name des Gänseblümchens, was „die ewig Schöne“ bedeutet. Sie ist ein natürliches Multitalent, wird eingesetzt bei Hauterkrankungen, zur Entschlackung des Körpers und regt den Stoffwechsel an. „Die ewig Schöne“ hat auch kulinarische Qualitäten:

Blüten sind in Suppen, Salaten, Marmeladen und Desserts ein hübscher Anblick und bringen zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe ins Essen. Ebenso lassen sich Kräutersalze und Gelees herstellen und zudem können die Knospen zu eingelegten Kapern verarbeitet werden.

Gänseblümchengelee für einen schmackhaften und gesunden Start in den Tag:
1 Handvoll Gänseblümchenblütenblätter, 1l Bio Apfelsaft, 1-2 Bio Zitronen, 500g Gelierzucker.
Die mit Apfelsaft übergossenen Blüten einen Tag durchziehen lassen, dann in einen Topf abseihen, Saft der Zitronen und Gelierzucker dazu, 5min köcheln und in Gläser füllen. 1Jahr haltbar.

Viel Spaß beim nächsten Spaziergang!

Therapeutisches Angebot - Mario Obersteiner
04.04.2017
Intrapsychisches Erklärungsmodell der Alkoholabhängigkeit

Bereits der Probierkonsum von psychotropen Substanzen wie Alkohol und die damit einhergehen-den kurzfristig eintretenden und subjektiv angenehmen Wahrnehmungen und Erfahrungen kön-nen dazu beitragen, dass es aufgrund einer positiven Verstärkung zu einer erhöhten Wahrschein-lichkeit von wiederholtem Alkoholkonsum kommt. Die enthemmende/stimulierende oder dämp-fende/beruhigende Wirkung des Alkohols macht es in sozialen Situationen wie z.B. einem Treffen mit Kollegen nach der Arbeit leichter „geselliger“ zu sein, vor allem für unsichere Personen. Unter dem Einfluss von Alkohol oder bestimmten Medikamenten kann sich das Wohlbefinden bei Feier-lichkeiten und anderen sozialen Begegnungen erhöhen. Mit Alkohol können viele Menschen ihren Gefühlen freien Lauf lassen oder angenehme Erlebnisse intensiver genießen, andere trauen sich Verhaltensweisen zu, für die sie sonst eher zu schüchtern sind. Es gelingt dann leichter mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten, in eine heitere Stimmung zu kommen, gleichzeitig treten Ängste und Sorgen in den Hintergrund und man fühlt sich insgesamt weniger belastet.
 
Mit der Zeit entwickeln sich jedoch Gewohnheiten, zu bestimmten Tageszeiten eine beruhigen-de/dämpfende Wirkung (z.B. nach Dienstschluss) zu suchen, um den Stress und/oder Druck nicht mehr spüren zu müssen und wiederum zu anderen Gelegenheiten einen aufputschen-den/stimulierenden Effekt zu erzielen, um etwa eine  höhere Leistungsanforderung besser aushal-ten zu können.

In solchen „gewohnten“ Trinksituationen werden suchtspezifische Gedanken automatisch aktiviert – z.B. „Alkohol hilft mir dabei, dass ich den Druck in der Arbeit nicht mehr spüre und meine Probleme und Sorgen verschwinden“. Die Betroffenen überprüfen aber die Wahrheit dieser Gedanken nicht, respektive machen sie nicht die Erfahrung, dass diese verzerrt sind und nicht der Realität entspre-chen – d.h., dass der Alkohol nicht ihre Sorgen und Probleme löst, sondern diese nur für kurze Zeit, geschuldet der sogenannten positiven Wirkung der Substanz, in den Hintergrund treten lassen.

Die negative Wirkung hingegen ist, dass es je nach Substanz (z.B. Alkohol) zu einem relativ ra-schen Gewöhnungseffekt kommt und der positive Effekt dann kürzer anhält. Es kommt zu einer Toleranzentwicklung die in weiterer Folge zu einer Dosiserhöhung führt, um so zumindest die be-reits gewohnte Wirkung (Enthemmung/Stimulierung resp. Dämpfung/Beruhigung) erleben zu können. Zudem kommen noch zusätzliche unangenehme Nebenwirkungen hinzu, die irgendwann die Form der bekannten Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen, Erbrechen, etc. annehmen können. In weiterer Folge etablieren sich aus den unangenehmen Nebenwirkungen zusätzliche Trinkmotive – nämlich jene, um diese negativen Zustände mittels Substanz auch in den Hinter-grund zu versetzten.

Dies führt zu einem Teufelskreis aus dem ein Ausstieg aufgrund einer ständigen Wechselwirkung sehr schwer fällt.

Therapeutisches Angebot - Erich Kugler
21.03.2017
Beschäftigungstherapie im Therapiezentrum Saualpe

Montags bis freitags sind unterschiedliche Therapeuten in unserem Therapiezentrum anwesend, der therapeutische Ablauf erstreckt sich unter der Woche über den Zeitraum von acht bis siebzehn Uhr. Danach beginnt für unsere Klienten die „therapiefreie“ Zeit, der späte Nachmittag und der Abend, können für unsere Klienten oft sehr lange werden. Auch die Wochenenden können sich dann dahinziehen.

Manche Männer suchen in dieser therapiefreien Zeit eine Beschäftigung, andere wiederum wissen nur wenig mit ihrer freien Zeit anzufangen. Wir Betreuer versuchen laufend situationsbezogene Beschäftigung anzubieten. Auch im Rahmen der Instandhaltung des Hauses durch die Betreuer versuchen wir die Klienten miteinzubinden.

Wenn jemand selbst wenig mit seiner Zeit anfangen kann, ist es nützlich, Möglichkeiten von unterschiedlichen Beschäftigungen anzubieten. Das reicht vom Ausmalen, Garten abzäunen, Brot backen bis hin zum Pilzsammeln.  Beschäftigung ist einfach gut gegen die Langeweile des Alltags. Da bekommen die Klienten neue Ideen, was man so alles machen kann. Auch eigene handwerkliche Fähigkeiten werden (re-) aktiviert.

Für mich, als Betreuer des Therapiezentrums Saualpe, sollte Beschäftigungstherapie immer einen Sinn ergeben. Darum versuche ich Beschäftigungen zu finden, die für die Klienten sichtbar sind und einen Mehrwert für alle bieten können. Die Teilnehmer sollten bei der Planung, Ausführung und Nachbearbeitung dabei sein. 

Dazu bringe ich ein gutes Beispiel: Im Herbst kam die Anfrage von einem Klienten, ob wir nicht einmal ein Lagerfeuer machen könnten. Bald waren einige Interessenten gefunden. Es wurde Schadholz aus dem Wald geholt. Ich nahm eine Motorsäge mit und wir zerkleinerten die Baumreste. Danach wurde das Holz aufgeschlichtet. Für das Wochenende planten wir unser erstes Lagerfeuer mit Würstelgrillen und selbst produziertem Steckerlbrot. Unter den Klienten konnte auch ein versierter Gitarrenspieler gefunden werden, der die positive Stimmung zusätzlich bereicherte.

Aus dem einen Lagerfeuer wurden schließlich einige sehr schöne Samstagabende. So wurde aus einer kleinen Idee einer Beschäftigung im Herbst für die Einen eine regelmäßige Freizeitaktivität und für die Anderen eine sinnvolle Beschäftigung. 

Im Frühjahr werden wir wieder einen Gemüse- und Kräutergarten anlegen. Ein größeres Projekt wird die Arbeit an den Abtrennungen bei den Balkonen sein. Ich freue mich schon darauf, die Herren zu aktivieren und zu motivieren, an den Projekten aktiv teilzunehmen.

Wissenswertes - Susanne Simoner
08.03.2017
Beziehungsarbeit mit abhängigen Menschen

Martin Buber, ein Religionsphilosoph, prägte den Ausspruch „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Dies bedeutet, dass wir den Anderen (= unser Gegenüber) benötigen, um uns selbst zu finden. Wir alle haben unterschiedliche Beziehungsbedürfnisse: unabhängig davon, ob eine Suchterkrankung diagnostiziert ist oder nicht. Der entscheidende Faktor besteht in der erlebten Vergangenheit eines jeden. Wurden unsere Beziehungsanfragen in der Vergangenheit größtenteils nicht erhört oder missachtet, sind verletzte Beziehungsbedürfnisse entstanden. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen im Suchtbereich kann ich mit Gewissheit sagen, dass jeder suchterkrankte Mensch eine große Anzahl verletzter Beziehungsbedürfnisse mit sich trägt.

Zum besseren Verständnis davon, wie ich Beziehungsarbeit mit abhängigen Menschen verstehe, bediene ich mich der folgenden acht Beziehungsbedürfnisse, die die integrative Psychotherapie (R. Erskine) aus einer Fülle herausgenommen hat:

1. Beziehungsbedürfnis nach Sicherheit: Gerade in der heutigen Zeit hat dieses eine große Bedeutung, da die äußere Sicherheit durch Begebenheiten wie Anschläge etc. nur mehr sehr begrenzt werden. Dieses Bedürfnis wird durch das Therapiezentrum als geschützten Raum befriedigt. Unsere Klienten sprechen immer wieder davon, dass sie nach einem Wochenendausgang „wieder nachhause kommen“, was die sichere Atmosphäre der Einrichtung gut aufzeigt.

2. Beziehungsbedürfnis nach Wertschätzung: Menschen mit einer Suchtproblematik kommen häufig aus einem schwierigen familiären Umfeld, in dem es an Bestätigung gemangelt hat. Aufgrund ihres immer wieder auftretenden Alkoholmissbrauches - sowohl im beruflichen als auch im gesellschaftlichen Kontext- kam es zu Abwertungen. In der Therapie wird jeder Klient als Individuum behandelt und in seinen Stärken und Schwächen geschätzt.

3. Beziehungsbedürfnis nach Grenzen: Einige unserer Klienten haben eine Sucht entwickelt, da sie mit ihren überhöhten Selbstansprüchen nicht zurechtgekommen sind und in ein Burnout geraten sind. Therapie bedeutet für diese Personen dann anfangs Entschleunigung und im weiteren Verlauf das Erlernen eines „normalen Arbeitsverständnisses“. Hier ist es unsere Aufgabe, den Klienten auch klare Grenzsetzungen zu geben.

4. Beziehungsbedürfnis nach Einmaligkeit: Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung wollen nicht als „Abhängige“ oder „Alkoholiker“ bezeichnet werden. Sie haben das Recht in ihrer Einzigartigkeit mit ihren individuellen Fähigkeiten gesehen und anerkannt zu werden. Dies verstehen wir als ethisch-moralische Grundvoraussetzung unserer Arbeit und ist auch ein wesentlicher Teil unserer Qualitätspolitik.

5. Beziehungsbedürfnis nach Initiierung durch andere: Manchmal tut es auch gut, wenn man nicht immer den ersten Schritt machen muss. Die Klienten genießen es bei uns, dass wir auch auf sie zugehen oder ihnen entgegenkommen. Aus diesem Grund ist es uns wichtig, dass Geburtstage oder Therapieabschlüsse von uns mittels einer gemeinsamen Feier gestaltet werden. Hier können sie einmal im Mittelpunkt stehen und dies genießen.

6. Beziehungsbedürfnis nach Bestätigung der eigenen Erfahrungen: Wir alle haben eine subjektive Wahrnehmung, die geprägt ist von unserer Vergangenheit. Somit besitzt jeder Mensch eine andere Wirklichkeit. Diese ist abhängig von seinen individuell erfahrenen Ereignissen in seinem Leben. Es ist für uns alle wichtig, dass wir in diesen (unseren) Erfahrungen ernstgenommen werden. Für eine gelungene Therapie ist es unabdingbar, dass die Klienten in ihrem individuellen Erfahrungsprozess von uns als Suchtexperten bestärkt werden. Dies geschieht unter anderem auch dadurch, dass die subjektive Wirklichkeit eines jeden als (für ihn) bedeutend wahrgenommen und anerkannt wird.

7. Beziehungsbedürfnis nach Einfluss: Immer wieder erleben wir es im Therapiezentrum, dass Klienten mit neuen Ideen hinsichtlich des Therapieablaufes zu uns kommen. Hier ist es uns wichtig, diese Beiträge dankbar anzunehmen, sie einer kritischen Betrachtungsweise zu unterziehen und, sollten sie nicht realisierbar sein, den Klienten hierzu auch eine ernsthafte Stellungnahme zu geben.

8. Beziehungsbedürfnis, Etwas zu geben: Für viele Klienten ist die Therapie bei uns die erste Situation - nach mitunter sehr langer Zeit - in der man ihnen mit Respekt, Wertschätzung und Empathie begegnet. Sie haben dann oft das dringende Bedürfnis, uns etwas zurückgeben zu wollen. Dies ist völlig normal, sofern es sich um ein Ereignis handelt, das keinen sich ständig wiederholenden Charakter bekommt. Hier ist es allerdings wichtig zu erklären, dass wir unsere Klienten auch ohne Aufmerksamkeiten in ihrem Wesen schätzen.

Dies ist ein kurzer Abriss unserer Arbeit mit den unterschiedlichen Beziehungsbedürfnissen unserer Klientel. Es geht hierbei um unsere täglichen Tätigkeiten in den unterschiedlichen Funktionen im Therapiezentrum. Wir versuchen auf diese Weise einen Beitrag dazu zu leisten, dass die oftmals verletzten Beziehungsbedürfnisse unserer Klienten durch positive Beziehungserfahrungen in der Therapie wieder ein Stückchen Heilung erfahren.

Therapeutisches Angebot - Markus Ruppnig
21.02.2017
Warum das Angebot der Sporttherapie bei Suchterkrankten?

In einer Studie zwischen aktiven und passiven Personen konnte festgestellt werden, dass sportliche Menschen signifikant weniger Nicotin, Alkohol und illegale Drogen konsumieren als inaktive (Escobedo et al. 1993; Kulig et al. 2003; Ströhle et al. 2007; Terry-McElrath u. o´Malley 2011).

Dies konnte auch in einer Zwillingsstudie beobachtet werden, die über einen Zeitraum von knapp zehn Jahren während der Adoleszenz1 durchgeführt wurde. Die im Jugendalter sportlich aktiveren Geschwister konsumierten im Erwachsenenalter signifikant weniger Tabak bzw. illegale Drogen (Korhonen et al. 2009; Kujala et al. 2007).

Es ist auch wissenschaftlich belegt, dass die Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und Substanzgebrauch korreliert, da nach einer zwölfwöchigen Trainingsintervention von 329 Jugendlichen nachgewiesen wurde, dass nicht nur der körperliche Fitnesszustand verbessert werden konnte, sondern auch weniger Studienteilnehmer Alkohol und Nikotin konsumierten (Collingwood et al., 2000).

Auch in den beiden Therapiezentren der Agil-Sozialpädagogik sind die trainings- und bewegungstherapeutischen Zielsetzungen gegliedert in Ziele für

  • Körperstruktur: Verbesserung des kardiovaskulären- und des Nervensystems, des Immun- und Atmungssystems sowie des Verdauungs-, Stoffwechsel- und endokrinen Systems,
  • Körperfunktion: Verbesserung und Stabilisierung der Ausdauerkapazität, Ökonomisierung des Herz-Kreislauf-Systems, Verbesserung der aeroben Kapazität, Erhaltung/ Wiederherstellung von Körperwahrnehmung, Kraft, Koordination, Flexibilität,
  • Aktivitäten und Partizipation2: Verbesserung der Handlungskompetenz sowie der Aktivitäten des täglichen Lebens, Erneuerung der sozialen Kompetenz mit Mitteln der Bewegung und des Sports, Vermittlung von Selbstwahrnehmung und eines Leistungsmotivs, Soziale Interaktion, Selbststeuerung und Selbstkontrolle  - sowie
  • Umweltfaktoren: Motivation und Vermittlung zu krankheitsangepasster körperlicher Aktivität, Verbesserung der körperlichen Aktivität.

Durch die unterschiedlichen Settings der trainings- und bewegungstherapeutischen Einheiten (Einzel- wie auch Gruppentraining) führen das Bewegungs- und Konditionstraining, die Durchführung von Spielsportarten sowie erlebnispädagogische Maßnahmen bei unseren Klienten zu Muskelaufbau, Verbesserung der Koordination und des Gangbildes sowie der Steigerung der aeroben Leistungsfähigkeit. Durch den Abbau von Ängsten und Hemmungen sollen die Handlungs- und Verhaltensmuster sowie die soziale Integration und das Spüren der Gruppendynamiken emotional positiv verstärkt werden. 

__________________________________
Endphase des Jugendalters
das Teilhaben, teilnehmen, beteiligt sein

Wissenswertes - Sinikka Huhndorf
07.02.2017
Mineralstoffmangel bei der chronischen Alkoholkrankheit

MINERALSTOFFE oder ELEKTROLYTE (Calcium, Kalium, Magnesium, Natrium, Chlorid) sind für den Organismus lebenswichtig und müssen täglich über die Nahrung aufgenommen werden. Die Konzentration der Mineralstoffe kann im Serum bestimmt werden.

CALCIUM ist mengenmäßig der wichtigste Mineralstoff im Körper. Ein gesunder Erwachsener enthält 800 – 1000 g. Mehr als 99,5 % sind in Knochen und Zähnen lokalisiert. Wir benötigen Calcium nicht nur für die Knochen, sondern auch für die Kontraktion der Muskeln, das Nervensystem, die Ausschüttung von Insulin über die Bauchspeicheldrüse, die Blutgerinnung und die Gesunderhaltung der Darmschleimhaut.

Der Calciumbedarf beträgt 1000 – 1500 mg/Tag.
Calcium ist besonders in Milch und Milchprodukten zu finden. 
In den pflanzlichen Lebensmitteln Grünkohl, Mandeln und Haselnüssen sind nennenswerte Mengen Calcium enthalten. 110 g Hartkäse oder 750 g Joghurt oder 450 g Haselnüsse oder 850 ml Magermilch oder 1100 g Hüttenkäse oder 450 g Grünkohl enthalten die tägliche Zufuhrmenge. Oxalsäure (enthalten in Spinat, Tomaten, Rhabarber, Schokolade) kann die Calciumaufnahme negativ beeinflussen. Die Calciumaufnahme über den Darm wird durch Vitamin D gefördert. Medikamente gegen Epilepsie, Magensäureblocker und regelmäßiger Alkoholkonsum können die Calciumaufnahme stören. 
Der Alkohol führt zu einer Steigerung der Ausscheidung im Urin. Bei der akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung (keine Seltenheit bei der chronischen Alkoholkrankheit) kann es zu Calciummangel kommen.
Von den Calcium-Mangelerscheinungen ist die Osteoporose, die bei den chronisch Alkoholkranken gehäuft vorkommt, von größter Bedeutung. Die Knochenentkalkung führt zu zunehmender Knochenbrüchigkeit. Die empfohlene Therapie: tägliche Einnahme von Vitamin D3, Calcium und Magnesium.

MAGNESIUM ist an fast allen Stoffwechselvorgängen beteiligt. Der größte Teil befindet sich in den Knochen. In den Muskeln ist reichlich Magnesium eingelagert und hier wirkt es als Gegenspieler von Calcium.

Der tägliche Magnesiumbedarf beträgt 350 - 400 mg.

Es ist in der Regel schwierig, den Bedarf an Magnesium täglich zu decken, da magnesiumreiche Kost sehr fetthaltig ist und nur in wenigen Lebensmitteln enthalten ist. Gute Lieferanten sind Nüsse, Hülsenfrüchte sowie magnesiumreiches Mineralwasser.            
100 g Sonnenblumenkerne oder Leinsamen oder Haferflocken oder 200 g Nüsse enthalten die empfohlene tägliche Zufuhrmenge.  

Da bei regelmäßigem Alkoholkonsum Magnesium vermehrt ausgeschieden wird, kommt Magnesiummangel bei Alkoholabhängigen häufig vor. Auch durch Erbrechen oder Durchfall (bei der chronischen Alkoholkrankheit häufig anzutreffen) wird Magnesium ebenfalls vermehrt ausgeschieden. Typische Magnesium – Mangelsymptome sind Muskelkrämpfe (nächtliche Wadenkrämpfe), Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen, Nervosität, Depressionen, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck.
Die empfohlene Therapie: Magnesium in Form von Tabletten oder Kapseln über den Tag verteilt in kleinen Portionen einnehmen.

KALIUM gehört zu den wichtigsten Mineralstoffen. Es kommt vorwiegend innerhalb der Zellen vor und ist für den Elektrolythaushalt von entscheidender Bedeutung. Bei der Funktion von Nerven, Muskeln und Herz spielt es eine wichtige Rolle.

Der Tagesbedarf beträgt 2000 mg.

Kalium ist in allen Lebensmitteln vorhanden. Gute Quellen sind Spinat, Mangold, Feldsalat. Der Tagesbedarf ist mit 500 g Gemüse gedeckt.
Kaliummangel tritt meistens als Folge von Kaliumverlust auf: Erbrechen und Durchfall (wie es bei den Alkoholabhängigen gehäuft vorkommt), Abführmittelmissbrauch, Diuretika (harntreibende Mittel), übermäßiger Konsum (2 – 3 l/Tag) von Cola-Getränken.
Die Symptome sind Schwäche bis zu Lähmungen der Skelettmuskulatur, Verstopfung bis zum Darmverschluss sowie Beeinträchtigung der Herzfunktion mit Neigung zu Rhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand. 
Gewebswasseransammlungen können bei Kaliummangel auftreten.
Therapie des Kaliummangels: kaliumhaltige Lebensmittel Obst und Gemüse, getrocknete Früchte und bei Bedarf Kaliumpräparate.

NATRIUM und CHLORID sind wichtige Mineralstoffe in allen Körperflüssigkeiten. 
Der Natriumstoffwechsel verläuft parallel zum Chloridstoffwechsel.

Die tägliche Kochsalzzufuhr (Natriumchlorid) sollte 6 g nicht übersteigen.

In den Grundnahrungsmitteln ist relativ wenig Natrium und Chlorid enthalten.

Gründe für Natriummangel können Erbrechen und Durchfall, Leberzirrhose oder Herzinsuffizienz (Wasserüberschuss) sein. Der Blutdruck kann niedrig sein, der Herzschlag beschleunigt, Muskelkrämpfe können vorkommen.

Ein Natriummangel kann zu Wasserverschiebungen, insbesondere ins Gehirn (Hirnödem), mit Hirndrucksteigerung führen. Es dominieren Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Tremor, Krampfanfälle. Unbehandelt kann es zu Bewusstseinsstörung bis zu zentraler Atemlähmung kommen. Diese Erkrankung kann tödlich enden.  

Therapie des Natriummangels: Kochsalzgabe in Form von Tabletten oder als Infusion.

In den beiden Therapiezentren der Agil-Sozialpädagogik werden Mineralstoffe (Elektrolyte), etwaige Mangelerscheinungen sowie die therapeutischen Optionen im Rahmen der Ernährungsmedizin mit den Klienten ausführlich besprochen.

Therapeutisches Angebot - Bettina Puster
24.01.2017
Stress

Das Wort Stress kommt aus der englischen Sprache und bedeutet im ursprünglichen Sinn „Dehnung, Beanspruchung“.

Der österreichisch-kanadische Mediziner und Pionier der Stressforschung Hans Selye hat den Begriff erst in den 1930er Jahren geprägt. Selye hat den Begriff aus der Physik entlehnt, um die „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung“ zu benennen. Stress bedeutet in der Werkstoffkunde die Veränderung eines Materials durch äußere Krafteinwirkung: es folgen Anspannung, Verzerrung und Verbiegung. 

Ursprünglich sollte der Begriff nur beschreiben, was im Körper passiert, wenn er belastet ist. Stress ist also zunächst ein neutraler Ausdruck und ein Symbol für Belastung ganz allgemein geworden. Die negative Komponente hat Selye ursprünglich DISSTRESS genannt, während er positiven Stress als EUSTRESS bezeichnete.

EUSTRESS (griechische Vorsilbe eu-): bedeutet wohl, gut, richtig, leicht positiver Stress (Herausforderung, Muntermacher, gesteigerte Leistungsfähigkeit und Kreativität).

DISSSTRESS oder DYSSTRESS (griechische Vorsilbe dys- ): bedeutet miss, schlecht negativer Stress (die Bewältigungsmechanismen sind erschöpft oder überfordert).

Stress erlebt und spürt jeder anders im Körper. Stress ist eine Aktivierungsreaktion unseres Körpers. Ob diese Aktivierung für den Körper positiv (Eustress) oder negativ (Disstress) ist, ob sie gesundheitsschädlich oder gesundheitsfördernd ist, hängt von unserer Bewertung der Stressfaktoren ab.

Stress wird dann als negativ empfunden, wenn er häufig oder dauerhaft auftritt und körperlich und oder psychisch nicht kompensiert werden kann und deshalb als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd gewertet wird. Insbesondere können negative Auswirkungen auftreten, wenn die individuelle Person keine Möglichkeiten zur Bewältigung der Situation sieht oder hat.

Ob Stress positiv oder negativ für den Organismus ist hängt also davon ab:

  • Ob wir die Stressfaktoren als positiv oder negativ bewerten
  • Ob wir uns der Situation gewachsen fühlen und uns sicher fühlen
  • Ob wir uns freiwillig in die Situation begeben und
  • Wie lange ein als negativ bewerteter Stress anhält

Psychosoziale Stress-Faktoren:

Schwerwiegende Lebensereignisse, die beim Menschen Stress auslösen können, sind insbesondere der Tod eines nahen Mitmenschen und die Trennung durch eine Ehescheidung. Weitere Stress-Faktoren sind:

  • Chronische Konflikte in einer Paarbeziehung
  • Zeitmangel, Termindruck
  • Lärm
  • Geldmangel, Armut, Schulden, Überschuldung
  • Mobbing am Arbeitsplatz
  • Angst nicht zu genügen (Versagensangst)
  • Perfektionismus (überhöhte Ansprüche an sich selbst und an andere)
  • Soziale Isolation, Verachtung und Vernachlässigung
  • Schlafentzug
  • Reizüberflutung
  • Krankheiten und Schmerzen
  • Seelische Probleme, unterschwellige Konflikte

Stressreaktionen werden durch STRESSOREN (= belastende Reize) ausgelöst, die man in unterschiedlicher Weise klassifizieren kann:

  • Chemische Stressoren wie Drogen oder Chemikalien
  • Körperliche Stressoren wie Hitze, Kälte, Lärm, Hunger, Infektionen oder Verletzungen
  • Seelische Stressoren wie Versagensängste, Zeitdruck, Leistungsüberforderung – bzw. Unterforderung
  • Soziale Stressoren wie Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Verlust von Angehörigen und Ablehnung durch andere Menschen, Isolation, Gruppendruck, Rivalität und Intrigen

Hier die häufigsten körperlichen, geistigen und psychischen Symptome, die bei länger andauerndem Stress auftreten können (Stresssymptome, die sich körperlich, geistig und im Verhalten bemerkbar machen:

  • Herzkreislaufbeschwerden wie Bluthochdruck, Schwindel, Herzrasen, Atembeschwerde
  • Schmerzen wie etwa Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenksschmerzen
  • Störungen des Magen-Darmtraktes wie etwa Durchfall, Verstopfung, Magendruck, Reizdarm, Reizmagen, Sodbrennen
  • Appetitlosigkeit oder Heißhunger
  • Schlafstörungen – wie Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen, Ausschlafstörungen
  • Unkontrollierbare Zuckungen, Muskelkrämpfe
  • Allergien, Hautirritationen
  • Konzentrationsstörungen, Denkblockaden, Vergesslichkeit, Wortfindungsprobleme, leicht irritierbar sein
  • Nägel kauen, Zähneknirschen, Schluckbeschwerden
  • Ruhe – und Rastlosigkeit, Nervosität
  • Chronische Müdigkeit, Antriebslosigkeit
  • Sexuelle Probleme, Erektionsprobleme

Stress Symptome, die sich psychisch bemerkbar machen:

  • Geistig nicht mehr abschalten können
  • Sich fremdbestimmt fühlen, sich hilflos fühlen, sich überfordert fühlen, sich in der Falle fühlen, sich wie in einem Hamsterrad fühlen
  • Innerlich unruhig fühlen
  • Schlecht gelaunt, gereizt bis hin zu aggressiv sein
  • Unzufrieden sein, lustlos sein – auch in sexueller Hinsicht
  • Ängstlich sein – man befürchtet vielleicht, den beruflichen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, entlassen zu werden
  • Ärger und Wut über sich selbst, über die nachlassende psychische und seelische Belastbarkeit
  • Deprimiert sein, da man an sich und seinen Fähigkeiten zweifelt und nicht weiß, wie man einer Besserung der Beschwerden erreichen könnte

Stressbewältigung:

Um Stress zu reduzieren und damit seine eigene Arbeit und sein Leben in den Griff zu bekommen, unterscheidet man vier Wege:

  • Das Zeitmanagement, mit dem man die Arbeit in passende Zeitintervalle legt
  • Das Reizmanagement, mit dem man Störreize zu reduzieren oder zu kanalisieren versucht
  • Das Erregungsmanagement, dass die vegetative Reaktion auf Stressoren zu mindern sucht
  • Das Belästigungsmanagement, mit dem man die subjektive Bewertung von Stressoren ändern will

Viele unserer Klienten haben in der Vergangenheit unter Stress zur Flasche gegriffen und damit passive Stressbewältigung betrieben. Die alkoholinduzierte Entspannung hält allerdings nur circa zwei Stunden an, danach bewirkt der Alkohol selbst eine erneute Spannungsphase. Weiterer Alkoholkonsum zum Spannungsabbau eröffnet hier langfristig einen Teufelskreis. In der Therapie lernen unsere Klienten diesen Teufelskreis zu durchbrechen, indem mit ihnen Strategien zum adäquaten Umgang mit Stresssituationen erarbeitet werden.

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14